Weihnachtsdekoration gesucht und dabei einen Schnellhefter mit Rezepten gefunden. Er stammt noch von meiner Mutter. Etliche lose Blätter aus den 1950er Jahren. Dr. Oetker ist am häufigsten vertreten, dann die Gewürzmühle Staesz bei Bremerhaven, wo wir zeitweilig wohnten. Am interessantesten finde ich ein Blatt, das offensichtlich mittels einer Wachsmatrize vervielfältigt wurde. Es stammt von der

„Marktberatungsstelle des Deutschen Frauenwerkes
Abt.: Volkswirtschaft-Hauswirtschaft, Luckenwalde, 54. Woche“
und ist überschrieben „Etwas für das Feldpostpäckchen“

Das genaue Jahr fehlt. Ich ordne es auf Grund der Zutat Zitrone ins Jahr 1943. Damals bekamen deutsche Soldaten, die am Mittelmeer stationiert waren, noch Heimaturlaub und brachten natürlich auch Zitronen mit nach Hause. Ab 1944 war dieser Urlaub zwar möglich, wurde aber immer seltener, da die logistischen Möglichkeiten fehlten. Beim Weihnachtsstollen wurde sogar Zimt verwendet. In die Päckchen für Väter, Söhne, Ehemänner an der Front sollte es natürlich etwas Besseres sein als man inzwischen im Inland – also an der „Heimatfront“ – hatte.

Mürbteigplätzchen (Essigplätzchen):
60g Fett, 100g Zucker, 2 Eßl. Essig, 250g Mehl, 1/2 Backpulver, 1 Eßl. Wasser
Alle Zutaten werden auf dem Backbrett zu einem glatten Teig verarbeitet. Man rollt ihn sehr dünn aus, sticht Formen aus, die man bei Mittelhitze backt.
Die Plätzchen müssen eine sehr helle Farbe haben.
Weihnachtsstollen mit Zimtfüllung
250g Mehl und 65g in einer Tasse lauwarme Milch aufgelöste Hefe zusammen rühren und gehen lassen.
Außerdem aus 750g Mehl, 1 Ei und 1 Eiersatz (Milei), 90g Zucker, Aroma (Zitrone, Vanille, Rum, Bittermandelöl), 1 Prise Salz und 1/2 Liter Milch einen festen Teig herstellen.
Beide Teige glatt miteinander verkneten. 165 g Margarine in Flöckchen dazu geben, kneten, ausrollen, mit Margarine bestreichen, mit Zimt und Zucker bestreuen, die Seiten einschlagen und den Teig einrollen. Auf dem Blech mit einem warmen Tuch bedecken und gehen lassen. Mit zerlassener Butter bestreichen, bei mässiger Hitze 1 Std. backen und mit Puderszucker bestreuen.

Mir fällt auf, dass offenbar noch ausreichend Zucker zur Verfügung stand, man beim Fett dagegen sehr sparsam war. In zwei Plätzchenrezepten kommt es in geringer Menge vor, im Stollen fehlt es ganz. Hier wird auch Ei-Ersatz verwendet. Der Essig in den Mürbeteigplätzchen reagiert mit Backpulver und macht sie mürber. Einen Versuch ist es wert. Vielleicht schmecken sie ganz gut, und sie sind wesentlich energieärmer (wenig Kalorien). Der angegebene Zimt wurde mit Sicherheit nicht importiert, sondern es handelt sich um Zimtersatz, der ab 1937 von Boehringer und später von den Farbwerken Höchst hergestellt wurde. Schon im 1. Weltkrieg entwickelte man Kunstpfeffer; und das Vanillin ist noch älter. Wo im Rezept Vanillezucker steht, handelt es sich um Zucker mit Ersatzvanille, also Vanillin. Die kleinen Päckchen enthalten auch heute noch den Ersatzstoff*).

Nach dem Kriegsende – vor 80 Jahren – hatte man noch weniger Zutaten zur Verfügung. Millionen Menschen auf der Flucht mussten auch ihre angesparten Lebensmittel zurücklassen. Dennoch versuchte man, mit ganz wenigen Mitteln ein schönes Weihnachtsfest zu feiern.

*) https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/0040-117X-2011-2-91.pdf?download_full_pdf=1

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